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Geschichte der Kanaren

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Geschichte

Mythische Orte in der Antike

Die Meerenge von Gibraltar, die auch wegen ihrer starken Strömungen gefürchtet war, bildete in der Antike die Grenze der gut bekannten Welt. Trotzdem gab es bereits in der griechischen Mythologie Berichte beispielsweise über Herakles, der weiter hinausfuhr, um seine Aufträge zu erfüllen. Er beschaffte für die Göttin Athene die Unsterblichkeit bringenden Äpfel der Hesperiden durch den Riesen Atlas, dem Herakles solange das Himmelsgewölbe abnahm. Ebenso wurde im Atlantik das Heim der Gorgo Medusa verortet, der Perseus das Haupt abschlug, wobei er sich mit einer Tarnkappe gegen ihren versteinernden Blick wappnete.

Historische Berichte

Erste historisch glaubhafte Berichte über Fahrten durch die Straße von Gibraltar ins Äußere Meer, gemeint ist der Atlantik, stammen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. von den karthagischen Seefahrern Hanno und Himilkon, von der Küstenbeschreibung (Periplus) des Pseudo-Skylax sowie bei Herodot über den Griechen Pytheas. Herodot berichtet in seinen Historien allerdings, dass die Phönizier schon um etwa 600 v. Chr. im Auftrag des ägyptischen Pharaos Necho II. von Ost nach West um Afrika segelten.

Die Römer erwähnten die Kanarischen Inseln erstmals ausdrücklich durch Pomponius Mela und Plinius Major; sie nannten sie Inseln der Glückseligen (Fortunatae insulae). Plinius Major bezieht sich dabei auf Beschreibungen des mauretanischen Königs Juba II., der von einer der Inseln große Hunde (lateinisch: Canis) bezog, so dass man hier den Ursprung des Namens Canaria vermutet.

Plinius Major unterscheidet klar die vergleichsweise gut bekannten Fortunatae insulae von den Gorgonen-Inseln (Gorgaden, d. h. Kapverden, gegenüber dem als Hesperu Ceras bezeichneten Cap Vert in Senegal) und von den Hesperiden. Die Hesperiden liegen gegenüber dem Vulkan „Theon Ochema“ (Götterwagen), den Hanno besucht hatte. Der Vulkan wird meist mit dem Kamerunberg identifiziert und liegt fast genau südlich von Karthago. Nördlich der Kanaren liegen nach Plinius Major die Inseln Atlantis (Madeira) und die Purpur-Inseln - wahrscheinlich die ganze Madeira-Gruppe. Nach dem Geographen Sebosius Statius soll die Reise zu den Hesperiden 40 Schiffstage gedauert haben und die Insel Junonia (Lanzarote) 750 Meilen von Cádiz entfernt gewesen sein.

Die Lage und die Namen der einzelnen Kanarischen Inseln lassen sich - soweit bei Plinius Maior noch doppeldeutig - aus dem vollständig erhaltenen Werk von Claudius Ptolemäus eindeutig ableiten, trotz zum Teil starker Verzerrungen und nachweisbaren Fehlern.

Die ursprüngliche Bevölkerung der Guanchen dürfte sprachlich zum Berberischen als Teilfamilie der Afroasiatischen Makro-Sprachfamilie gehört haben, auch heute noch vermischt mit den späteren spanischsprachigen Einwohnern auf den Inseln. Vom Guanche selbst sind allerdings nur noch einige wenige Worte überliefert.

Anzunehmen ist, dass spätestens seit der ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. erfolgenden Besiedlung der westmarokkanischen Küste durch phönizische (punische) Seefahrer, diese auch auf die Kanarischen Inseln aufmerksam wurden. Archäologische Funde bestätigen die Anwesenheit von Puniern und Römern auf den Kanaren.

Kurz nach der römischen Zerstörung Karthagos im Jahre 146 v. Chr. befuhr im Auftrage des Siegers Scipio Aemilianus Polybios die westafrikanische Küste, wahrscheinlich etwa bis auf Höhe von Kap Juby, welches etwa auf den Breiten der Kanaren auf dem afrikanischen Festland liegt. Polybios stellte dort keine große Handelstätigkeit der Karthager mehr fest. Auch aufgrund des alternativen Transsahara-Handels über Land geriet so im Westen ein Großteil der westafrikanischen Küste, und der vorgelagerten Inseln südlich der Grenze der Provinz Mauretania Tingitana knapp südlich von Essaouira, in Vergessenheit. So blieb die steinzeitliche Kultur der Guanchen bis zur spanischen Eroberung Anfang des 15. Jahrhunderts erhalten.

Archäologie

Archäologische Funde legen nahe, dass auf dem Archipel höchstens seit dreitausend Jahren Menschen leben. Radiokohlenstoffdatierungen (C14) haben bisher bei Funden auf Teneriffa etwa das Jahr 800 v. Chr. ergeben. Wesentlich ältere Hinweise auf Lanzarote sind noch unklar. Der genaue Zeitpunkt und das Warum und Wie der Besiedlung liegen immer noch weitgehend im Dunkeln. Die zurzeit beste Quelle in deutscher Sprache zur Vorgeschichte der Kanarischen Inseln ist die Zeitschrift Almogaren des Institutum Canarium in Wien. Eine immer noch aktuelle Zusammenfassung der zahlreichen Vermutungen um die Besiedlung der Inseln ist zu finden in: Hans Biedermann. Die Spur der Altkanarier. Burgfried-Verlag, Hallein, 1983.

Der Ursprung der kanarischen Urbevölkerung ist zwar schon vor vielen Jahren auf Nordafrika und die Sahara eingeschränkt worden, vollkommen geklärt ist er trotzdem nicht, denn das in Betracht stehende Gebiet umfasst beinahe den halben Kontinent mit zahlreichen verschiedenen Ethnien. Ein erster Versuch der Eingrenzung startete die ältere Anthropologie. Eine für diesen Versuch bekannte Anthropologin war Prof. Ilse Schwidetzky, die in den 1950er Jahren auf den Inseln sehr umfangreiche Knochenmessungen an Skelettresten der Ureinwohner durchführte. Anhand von Vergleichen mit anderen Knochenfunden versuchten Anthropologen den zu vermutenden nordafrikanischen Ursprung der Urbevölkerung festzustellen, was aber nur bis zu einem ungenauen Punkt möglich war.

Vor wenigen Jahren konnte mit Hilfe der modernen Gentechnik festgestellt werden, dass noch etwa 40 Prozent der heutigen einheimischen Bevölkerung, meist über die weibliche Line, mit der Urbevölkerung verwandt ist. Ob aber eventuell afrikanische Ethnien der nächste Ursprung der Guanchen sind, lässt sich noch nicht nachweisen. Es stünden jetzt Vergleiche mit der genetischen Ausstattung nordafrikanischer Bevölkerungen an. Am Besten wären Vergleiche mit zeitgleichen historischen Genmaterial aus archäologischen Funden, die aber nicht zu Verfügung stehen.

Auf keiner der Kanarischen Inseln sind irgendwelche Erzvorkommen bekannt. Die Ureinwohner der Inseln waren demnach dazu verurteilt, in einer „Zwangs-Steinzeit“ zu leben. Doch trotz ihrer steinzeitlichen Kultur besaßen die Guanchen auf jeder Insel eine Schrift. Eine erste Veröffentlichung über sie aber kam erst 1870 von El Hierro[8]. Umfangreiche Forschung nach dem Ursprung dieser Schrift führte bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis, außer dass es sich um die Tifinagh-Schrift handelt, die heute nur noch von den Tuareg benutzt wird, in früheren Zeiten aber über ganz Nordafrika und in der Sahara verbreitet war.

Spanische Eroberung

Um 1312 besuchte der Genuese Lancelotto Malocello die Insel Lanzarote und blieb dort bis etwa 1330. Er erreichte, dass die von ihm entdeckte und in Besitz genommene Insel auf der Weltkarte des Angelino Dulcert als Insula de Lanzarotus Marocelus eingezeichnet wurde. Seither trägt Lanzarote seinen Namen. Über diese zwei Jahrzehnte des Lancelotto Malocello auf Lanzarote ist wenig bekannt, wahrscheinlich betrieb er nur einen befestigten Handelsposten. Es besteht sogar die Annahme, dass ein anderer Lanzarotto Maroxello schon um 1230 die Inseln erreicht hatte[10]. Weitere mögliche Besucher der Inseln können die Schiffe der Brüder Vivaldi aus Genua gewesen sein (1290), über deren weiteres Schicksal aber nichts bekannt ist. Nachdem die beiden Galeeren die Meerenge von Gibraltar durchfahren hatten, verschwanden sie spurlos auf dem Atlantik. Außerdem besteht der unklar belegbare Verdacht geheimer Sklavenjagten durch mallorkinische Sklavenhändler[11]. Erst eine portugiesische Expedition im Jahre 1341, über deren Verlauf man gut informiert ist, lieferte konkrete Nachrichten über die Inseln. Der auf Latein verfasste Bericht des Steuermanns Niccoloso da Recco ist erhalten, er ist das erste korrekte historische Dokument über einen europäischen Besuch auf den Kanaren.

Die Gesellschaftsstrukturen müssen bei diesen mehr oder weniger sporadischen Besuchen zumindest intakt geblieben sein, was sich später unter Jean de Béthencourt änderte[12]. Zuvor jedoch fand eine faszinierende Episode der Kirchengeschichte statt: es gibt eine Päpstliche Bulle von Papst Clemens VI. vom 7. November 1351, welche zur Gründung des ersten Episkopates in Telde auf Gran Canaria führte, um gewaltlos Einheimische zum Christentum zu bekehren. Die tragenden Kräfte dieser ersten Missionierung der christlichen Kirche waren fromme Händlerkreise von Mallorca, die en passant auch friedliche Handelskontakte mit den Ureinwohnern knüpfen wollten. Doch 1393 wurden die Inseln von einer sevillanischen Flotte überfallen, welche mit vielen Inselprodukten - und besonders Sklaven - in Spanien Gelüste nach dem Besitz des Archipels weckte. Auf Gran Canaria wurde dabei der Versuch der friedlichen Missionierung erfolgreich sabotiert. Die Ureinwohner von Gran Canaria konnten sich den Unterschied zwischen den christlichen Missionaren auf ihrer Insel und den christlichen Sklavenjägern vor ihren Küsten nicht mehr erklären. Um 1392/93 scheinen alle die mit den Patres eingewanderten Siedler von Mallorca in einem Anfall kollektiven Zorns erschlagen worden zu sein, die Patres selber wurden in den leeren Vulkanschlot von Sima Jinamar gestürzt, eine traditionelle Form der Todesstrafe in der Urgesellschaft Gran Canarias. Das Experiment der gewaltlosen christlichen Missionierung war gescheitert[13]. In der Chronik der späteren Eroberung, Le Canarien, zitiert ihr Autor Gadifer de la Salle aus dem (nicht erhaltenen) Abschiedsbrief der Missionare, der ihm bei einem Besuch auf Gran Canaria zugesteckt worden war[14].

Die endgültige Eroberung des Archipels, die damals südlichste Christianisierung, begann 1402 unter der Lehensherrschaft der kastilischen Könige durch den Normannen Jean de Béthencourt auf den Inseln Lanzarote, Fuerteventura und El Hierro. Gran Canaria konnte nur besucht werden, La Gomera wurde zwar auch betreten, konnte aber nicht unterworfen werden. Der Adelige, aber inzwischen verarmte Gadifer de la Salle, wurde Béthencourts Teilhaber und militärischer Experte. Über die gesamte Eroberung gibt es eine Art Kriegstagebuch, die Chronik Le Canarien, verfasst von Gadifer de la Salle persönlich, denn er war als Soldat und Literat bekannt. Der später von Jean de Béthencourt betrogene La Salle hatte mit dieser Schrift in Frankreich für seine Rechte an den Inseln werben wollen. Sie wurde allerdings um 1630 aus Prestigegründen von der Familie Béthencourt gefälscht veröffentlicht, das Original der Schrift tauchte erst 1888 im British Museum auf.

Nach dem Tode des erbenlosen Béthencourts um 1425 zerfiel der Besitz aller Inseln in viele Stücke. Die Siedler der Eroberer und die überlebenden Ureinwohner von Lanzarote, Fuerteventura und El Hierro vermischten sich und bildeten eine erste kleine Kolonialgesellschaft. Auch die Kirche nahm ihre Missionstätigkeit wieder auf. 1441 war der andalusische Laienbruder des Franziskanerordens Didakus, spanisch San Diego de Alcalá, auf die Inseln gereist und gründete als Missionar das Kloster Fortaventure auf Fuerteventura. Etwa um 1448 errangen die Familien de las Casas - Peraza aus Sevilla wieder alle Rechte über die Inseln. Daraufhin begann eine Zeit der Ausbeutung und Sklavenjagd auch auf den noch nicht eroberten Inseln und dem nahen Afrika. Gegen diese rücksichtslosen Feudalherren fand 1477 auf Lanzarote ein Aufstand statt, was letztendlich zur Auflösung der ersten kleinen Kolonialgesellschaften führte. Die Menschen von Lanzarote und Fuerteventura flohen nach Gran Canaria, das gerade erobert wurde, oder sogar bis nach Sevilla. Die Inseln wurden durch berberische Sklaven neu bevölkert, die die Feudalherren an der afrikanischen Küste jagten.

Hernán Peraza erbte 1478 als despotischer Herrscher La Gomera, dass eher friedlich durchdrungen worden war. Peraza wurde 1488 von Einheimischen wegen seiner penetranten Versuche, sie als Sklaven zu verkaufen, ermordet, was eine innenpolitische Krise im Spanischen Königreich (und vermutlich die erste Diskussion über die Menschenrechte) auslöste[15]. Bei dem Aufstand von 1477 nutzten die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragonien und Isabella I. von Kastilien des damals zusammenwachsenden Spaniens die Gelegenheit, die Rechte auch auf den noch zu erobernden Inseln La Palma, Gran Canaria und Teneriffa den bisherigen Feudalherren gegen eine Entschädigung abzunehmen. Es war eine dringende Maßnahme, denn Portugal, unter der Leitung von Heinrich dem Seefahrer, machte starke militärische und diplomatische Anstrengungen, die Inseln unter seine Herrschaft zu bringen. Die Feudalherrn waren zu schwach, sich gegen diese kombinierte Umarmungsstrategie zur Wehr zu setzen. Die übrigen atlantischen Archipele Azoren, Kapverden und Madeira, die ebenso wie die Kanaren westlich von Afrika liegen, waren de facto längst entdeckt und für den portugiesischen Thron in Besitz genommen worden. Isabella I. erlangte 1479 mit dem Vertrag von Alcaçovas die komplette Zugehörigkeit aller Kanarischen Inseln zu Kastilien, aber es war ihren Schiffen vertraglich untersagt, weiter nach Süden auf dem Atlantik vorzudringen. Dies hing damit zusammen, dass Portugal in der Navigation und Entdeckerrolle allgemein, als auch in der Eroberung der Gebiete in Afrika und Asien, die absolute Vormachtstellung innehatte, denn Portugal strebte seit geraumer Zeit die Entdeckung des Seeweges nach Indien an, was unter Führung Vasco da Gamas 1498 schließlich gelang. In letztgenanntem Vertrag handelten Alfons V. und Isabella I. die Einflusssphären im Atlantik aus. Isabella erkannte die portugiesische Hegemonie an, dafür überließ Portugal Spanien endgültig die Kanaren (zur weiteren Aufteilung portugiesischer und spanischer Interessengebiete siehe Vertrag von Tordesillas, 1494).

Darauf begann die spanische Politik auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten, hauptsächlich dem Zuckerrohranbau, der noch freien Kanarischen Inseln (Gran Canaria, Teneriffa, La Palma) aufmerksam zu werden. Schon im Juni 1478, vor Abschluss des Vertrages von Alcaçovas 1479, kam Feldhauptmann Juan Rejón im Auftrag der Katholischen Könige nach Gran Canaria, gründete Las Palmas und begann die Eroberung der Insel, die allerdings erst 1483 von Pedro de Vera abgeschlossen werden konte. Alonso Fernández de Lugo, der schon auf Gran Canaria mitgekämpft hatte, unterwarf La Palma bis 1493 und beendete die Conquista 1496 schließlich mit der dritten größeren Schlacht auf Teneriffa, der Schlacht von La Victoria de Acentejo. Das bedeutete die endgültige Unterwerfung Teneriffas und damit der letzten aller Kanarischen Inseln. Seit diesen Eroberungszügen gehören die Inseln endgültig zu Spanien und stellten eine Art „Miniaturmodell“ für die spätere Eroberung Amerikas dar.

Die Kultur der Ureinwohner, heute allgemein Guanchen genannt, wurde im 15. Jahrhundert teils unterdrückt, teils löste sie sich überraschend schnell auf, denn die meisten Überlebenden, beispielsweise auf Teneriffa, ein überaus neugieriges und intelligentes Volk, nahmen die herrlichen Neuerungen der für sie modernen Zivilisation nach dem Friedensschluss bewundernd an. Nur wenige „Unbeugsame“ leisteten noch Jahrzehnte Widerstand in den abgelegenen Tälern der weitgehend leeren Insel, so dass heute nur noch wenig von der alten Kultur und Sprache überliefert ist, was auch auf die enormen Verluste im Verlauf der Jahrhunderte durch Brände, Plünderungen und „Entsorgung“ in den Inselarchiven zurückzuführen ist. Zu ihren Überbleibseln gehören in Stein gemeißelte, schriftähnliche Zeichen, Tänze, Speisen und wenige Reste ihrer alten Sprache, dem Guanche[16]. Obwohl viele Guanchen in den drei großen Schlachten der Eroberung Teneriffas (La Matanza de Acentejo und La Laguna 1494, La Victoria de Acentejo 1495) getötet worden waren, und viele an eingeschleppten Krankheiten starben, stellten sie immer noch den größten Teil der Bevölkerung Teneriffas, mit der Fernández de Lugo die neue Kolonie für die Spanischen Könige aufbauen sollte. Er musste sich also recht diplomatisch verhalten, denn es ging um viel Geld. Der arbeitsintensive Zuckerrohranbau und die Zuckerherstellung boomten, willige Arbeitskräfte waren gefragt. Die meisten Überlebenden, vielfach Frauen, vermischten sich teilweise durch Heirat mit den eingewanderten Spaniern, zumeist Männer. So entwickelte sich auf Teneriffa, teils auch auf Gran Canaria, eine neue, stabilere, multikulturelle Kolonialgesellschaft. Schon nach kurzer Zeit erhielten einige Guanchensippen eigene Rechte. Anderen Sippen, die keinen Widerstand gegen die Eroberung geleistet hatten, wurden gar Ländereien gegeben. Die spanische Krone verbot 1537 den Sklavenhandel. Später stellte ein Dekret von Papst Paul III. den Sklavenhandel unter Strafe.

Piraterie

Der Kanarische Archipel mit einigen großen Seehäfen stellte für etwa 300 Jahre das wichtigste Bindeglied auf den bedeutenden Handelsrouten für Segelschiffe zwischen Europa und Amerika dar. Das machte sie von Anfang an für Piraten interessant. Schon 1553 gelang es dem französischen Korsaren François LeClerc Santa Cruz de La Palma auszuplündern. Eine riesige holländische Flotte kreuzte 1599 vor Gran Canaria auf. Unter dem Kommando des Admirals Pieter van der Does gelang es den Holländern zwar an Land zu kommen und Las Palmas einzunehmen, scheiterten aber unter vielen Verlusten bei einem Versuch ins Innere der Insel vorzudringen an der listigen Verteidigungsstrategie der kanarischen Verteidiger. Ein Überfall auf La Gomera endete ebenfalls in einem verlustreichen Desaster. Im Laufe der Jahrhunderte wurden auf einigen Inseln Festungen zum Schutz gegen Piraten errichtet, wie das Castillo de San Gabriel bei Arrecife auf Lanzarote. Hier ereignete sich 1618 der letzte schwere Überfall algerischer Piraten, bei dem viele Einheimische aus der Cueva de los Verdes verschleppt und als Sklaven verkauft wurden. Auch England versuchte mehrfach die Inseln einzunehmen, da es nahezu die Herrschaft über die Weltmeere errungen hatte. Aber vor den Kanarischen Inseln hatte es kein Kriegsglück. Sir Francis Drake wurde 1585 und noch einmal 1595 vor Las Palmas erfolgreich abgewehrt. Ein Angriff des Admiral Blake auf Teneriffa schlug 1657 fehl. 1797 bedrohte Admiral Horatio Nelson mit sieben großen Kriegsschiffen Santa Cruz de Tenerife und wollte mit etwa 700 Mann per Handstreich zunächst das zentrale Fort der Stadt stürmen. Der Plan gründete sich auf die Unwahrscheinlichkeit, gerade die stärkste, zentrale Stellung des Hafens anzugreifen, aber die Verteidiger hatten ihn trotzdem erahnt. Die daraufhin umpostierte Hafenartillerie versenkte eines seiner größeren Landungsschiffe und viele der Landungsboote. Die vollkommen durchnässte und fast munitionslose Truppe, die es trotzdem an Land geschafft hatte, wurde von den kanarischen Milizen mitten in Santa Cruz eingeschlossen, so dass der schwer verwundete Nelson aufgeben musste, denn bei dieser Eroberungsaktion hatte er nicht nur 226 seiner Leute verloren, die bei der verunglückten Landung ertranken oder erschossen worden waren, sondern auch seinen rechten Arm, als er an der Spitze seiner Soldaten die kleine Mole von Santa Cruz entern wollte. Die Splitter einer berstenden Kanonenkugel trennten ihm fast den rechten Unterarm ab. Nur mit sehr viel Glück schaffte es sein Boot wieder zurück zu den Schiffen, wo der zerfetzte Arm amputiert wurde, von einem französischen Arzt mit einer Handsäge auf einem Kajütentisch. Die gefangenen überlebenden Engländer schickte General Antonio Gutierrez, der Nelsons Angriffsplan erraten hatte, mit einer noblen Geste zurück. Heute erinnert die mächtige alte Bronzekanone El Tigre im Militärmuseum von Santa Cruz, die dem Glauben nach den entscheidenden Schuss abgefeuert haben soll, der Nelson den Arm kostete, an seine einzige Kapitulation[18].

Christoph Kolumbus

Christoph Kolumbus machte auf der Insel La Gomera seine letzte Zwischenstation, bevor er am 6. September 1492 zu seiner Reise nach Indien aufbrach, aber Amerika erreichte. Die kleine Flotte von Kolumbus hielt sich zuvor fast vier Wochen zwischen den Inseln Gran Canaria und La Gomera auf, wobei sie technische und logistische Unterstützung von den Inseln erhielt. Die Karavelle La Pinta hatte einen schweren Ruderschaden und leckte. Kolumbus ließ auch ihre Takelung ändern, unklar ob auch die Takelung der Karavelle La Niña. Diese Reparaturen wurden auf Gran Canaria durchgeführt, wahrscheinlich in der Bucht von Gando, wo heute der Flughafen Gran Canaria liegt. Merkwürdigerweise wird der Aufenthalt der kleinen Flotte des Kolumbus in der einschlägigen älteren und neueren Literatur weitgehend übergangen, obwohl es offensichtlich ist, dass ohne die Stützpunkte auf den Kanarischen Inseln Amerika außerhalb der Reichweite der damaligen Schiffstechnik lag. Die Schiffe waren noch zu klein und zu langsam, um die entsprechenden Mengen an Proviant und Wasser für sehr lange Reisen aufnehmen zu können, zudem eine übergroße Besatzung an Bord war, weil Tag und Nacht gesegelt wurde. Man kann also annehmen, dass die Fahrt von Palos de Moguer zu den Kanarischen Inseln eher eine Testfahrt zur Erprobung der Schiffe und zum Trainieren der Mannschaft war. Die eigentliche Reise zu den „Indias“ ging erst von La Gomera los, wie schon Fernando Kolumbus, Sohn Christoph Kolumbus' und erster Biograph seines Vaters, anmerkte.

Auf seiner zweiten Reise steuerte Christoph Kolumbus El Hierro an. Nachdem er frischen Proviant und dann auch günstigen Wind hatte, startete seine Flotte von 17 Schiffen nach 19 Tagen auf der Insel, am 3. Oktober 1493, von der Bahía de Naos aus in die Neue Welt.

19. Jahrhundert bis heute

1812 hatte das spanische Parlament in Cadiz verfassungsmäßig eine neue Verwaltungsebene eingerichtet, demzufolge entstanden die ersten Stadt- bzw. Gemeindeverwaltungen (Ayuntamientos) auch auf den Kanaren.

Wirtschaftliche Probleme, hervorgerufen durch die Rückkehr des absolutistischen Königs Ferdinand VII. im Jahr 1814, der die zuvor fortschreitende Liberalisierung der Wirtschaft und die neue verfassungsrechtliche Ordnung von 1812 in Spanien umwarf, veranlassten Königin Isabella II. die Kanarischen Inseln 1852 zur Freihandelszone zu erklären. Die gewährten Zollvorteile führten wieder zu einer Belebung der kanarischen Wirtschaft.

1821 erklärte man die Kanaren zu einer Spanischen Provinz mit der Hauptstadt Santa Cruz de Tenerife, welche sich allerdings mit Las Palmas de Gran Canaria um diesen Titel stritt. Daraus resultierte von 1840 bis 1873 eine Teilung der Inselgruppe in eine westliche und eine östliche Zone. Der Politiker und Führer der „Kanarischen Liberalen Partei“ (Partido Liberal Canario) mit Sitz auf Gran Canaria, Fernando Léon y Castillo, setzte sich mehr und mehr für die Vormachtstellung seines Gebietes ein. Das sieht man heute als Auslöser für die endgültige Teilung des Archipels an. Am 11. Juli 1912 wurde das „Gesetz der Inselräte“ (Ley de Cabildos) verabschiedet, in dem verfassungsmäßig die Inseln von ihren eigenen Inselregierungen (Cabildos) verwaltet werden sollten. Trotzdem hielt der Streit an, so dass am 21. September 1927 die beiden Provinzen Las Palmas und Santa Cruz de Tenerife ausgerufen wurden.

1931 entstand in Spanien die Zweite Republik nach demokratischen Gesichtspunkten, die aber die Konflikte im Lande nicht lösen konnte. Die Republik wurde durch das Franco-Regime gewaltsam aufgelöst. Nachdem 1936 Francisco Franco seines Amtes als Oberbefehlshaber der Armee enthoben wurde, ernannte man ihn zum Militärkommandeur (Kapitängeneral) auf den Kanarischen Inseln und in Spanisch-Marokko. Als nach der Ermordung des konservativen Politikers José Calvo Sotelo große Teile der rechtsgerichteten und faschistischen spanischen Armee gegen die Regierung revoltierten, und Franco nach dem Übersetzen von Gran Canaria aus den Oberbefehl über die Truppen in Spanisch-Marokko am 19. Juli 1936 übernahm, begann der Spanische Bürgerkrieg (1936 - 1939).

1964 bildet sich in Algier, Algerien, eine Unabhängigkeitsbewegung mit Namen „Movimiento por la Autodeterminación e Independencia del Archipiélago Canario (MPAIAC)“ (Bewegung für die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit der Kanaren), deren Generalsekretär Antonio de León Cubillo Ferreira eine „Republik der Guanchen“, der früheren Bevölkerung, anstrebte. Man wollte sich in erster Linie vom Franco-Regime abspalten. Nach dem Ende der Militärherrschaft des Generals Francisco Franco, unter der auch die eigenständige Kultur der Kanaren unterdrückt und vernachlässigt wurde, entwickelte sich Spanien ab 1975 rasch zu einer pluralistischen Demokratie. In diesem Rahmen bildeten sich auch einige kanarische Regionalparteien. Diese plädierten beispielsweise für eine Unabhängigkeit oder eine politische Hinwendung zu den Staaten Nordafrikas. Damit waren diese Parteien aber kaum mehrheitsfähig.

Die Inseln bilden zusammen seit 16. August 1982 eine der siebzehn Autonomen Gemeinschaften (span.: comunidades autónomas) Spaniens mit der Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria. Erstmals in der Geschichte der Inseln konnte man am 30. Mai 1983 Personen in eine eigene politische Institution frei wählen. Seitdem ist der 30. Mai hier ein gesetzlicher Feiertag.

Als Spanien 1986 der Europäischen Union beitrat, verweigerten dies die Kanaren aus Furcht vor wirtschaftlichen Einbrüchen. Erst nachdem die Kanaren 1991 einer Vollmitgliedschaft zustimmten, traten sie 1992 endgültig in die EU ein. Seitdem gilt auf den Inseln das Recht der Europäischen Gemeinschaft, wobei in einigen Bereichen vorteilhaftere Sondervorschriften gelten, die der großen Entfernung zum übrigen Territorium der EU Rechnung tragen und die Nachteile der Insellage ausgleichen sollen. Ebenso gehört die Inselgruppe zum europäischen Zollgebiet, wobei sie in einigen Bereichen von Sonderbedingungen profitieren und eine Reihe von Hilfsprogrammen und Subventionen erhalten. Als Währung löste der Euro am 1. Januar 2002 die Peseta ab.

 
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